Die awarischen Gräberfelder

Fundgeschichte & Entdeckung

Im Frühjahr 2000 wurde während eines luftbildarchäologischen Prospektionsfluges auf dem Gebiet der Marktgemeinde Lanzenkirchen anhand sog. Bewuchsmerkmale ein bis dahin unbekanntes Gräberfeld entdeckt. Auf den Luftbildern konnten 283 Gräber identifiziert werden. Aufgrund der annähernd reihenförmigen Anordnung der Gräber war ein frühmittelalterliches Gräberfeld zu vermuten. Erste Testgrabungen 2001 und 2002 ergaben ein Gräberfeld der awarischen Kultur und bestätigten die Vermutung.

Waren Pressefoto


Überblick & Geschichte

Die Awaren, ursprünglich ein aus den zentralasiatischen Steppen stammendes Volk von Reiterkriegern und -hirten, wurden in Europa erstmals im Winter 558/9 fassbar, als eine Gesandtschaft am kaiserlichen Hof von Byzanz (dem heutigen Istanbul), der Hauptstadt des oströmischen Reiches, vorstellig wurde. 

Die Awaren waren aus ihren asiatischen Siedlungsgebieten aufgebrochen, um den Türken, welche die Herrschaft über die eurasiatische Steppenzone an sich gerissen hatten, zu entgehen. Im Zuge dieser Wanderung blieben einzelne Gruppen zurück, andere schlossen sich der Wanderbewegung an. In Europa traten diese „Flüchtlinge“ von Beginn an als Sieger auf. Die Awaren bildeten ein schnelles, diszipliniertes und strategisch gut geführtes Reiterheer, das für seine Reitkünste bekannt war. Ähnlich den Hunnen waren sie mit Reflexbögen ausgestattet und konnten aus dem Sattel heraus schießen, wofür sie gefürchtet waren. Sie schlossen mit dem oströmischen Kaiser Justinian Verträge und erhielten für Militärhilfe Zahlungen, welche von ursprünglich 80000 auf 200000 Goldmünzen jährlich hinaufgeschraubt wurden. Unter Führung eines Kaghans gewannen sie in kurzer Zeit die Herrschaft über das Karpatenbecken von Siebenbürgen bis zum Wienerwald und breiteten sich über die Ebenen an der mittleren Donau aus. 

626 griffen die Awaren Konstantinopel selbst an. Sie scheitern aber daran, woraufhin ihre Offensivkraft erlahmte. Es kam zu keiner weiteren territorialen Ausbreitung des awarischen Herrschaftsgebietes. 

Allerdings änderten die Awaren ihre Lebensgewohnheiten. Ein Großteil der Bevölkerung wurde schnell sesshaft. Üblicherweise zerbrechen Nomadenreiche an einem solchen Wandel – das awarische Reich bestand aber noch bis zu den Awarenkriegen des fränkischen Königs (und späteren deutschen Kaisers) Karls des Großen in den 90er Jahren des 8. Jahrhunderts. Dabei führten wohl nicht nur Auseinandersetzungen mit den Franken sondern auch innere Auseinandersetzungen zum Zerfall.

Eine Person und eine Person, die im Boden graben

Die Nachkommen der awarischen Reiterkrieger lebten in slawischer, später ungarischer Umgebung weiter. Die awarische Identität funktionierte aber nur innerhalb des Kaghanats, wurde außerhalb desselben nicht wahrgenommen und ging verloren. Der Name Awaren verschwand innerhalb einer Generation aus den schriftlichen Quellen. 

Heute wissen wir über die Awaren nur wenig – besonders über ihre Sozialstruktur, Sprache und religiösen Vorstellungen. Sie selber haben keine Schriftquellen hinterlassen. Die wenigen Schriftquellen, die über die Awaren berichten, wurden von ihren Nachbarn bzw. Konkurrenten (wie Byzantinern oder Franken) verfasst. Daraus lässt sich der eben kurz wiedergegebene historische und politische Rahmen rekonstruieren. 

Über Lebensformen und äußeres Erscheinungsbild hingegen geben vor allem archäologische Quellen Auskunft.

Forschung & Kultur

Die archäologischen Forschungsarbeiten in Frohsdorf werden von einem Team des VIAS (Interdisziplinäres Forschungsinstitut für Archäologie der Universität Wien) unter Leitung von Gabriele Scharrer-Liška (mail to Gabriele.Scharrer@univie.ac.at) durchgeführt, vom FWF (Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung) finanziert und verfolgen mehrere Ziele: 

Die Bevölkerungsgruppe, die ihre Toten im awarenzeitlichen Gräberfeld von Frohsdorf bestattete, und deren Siedlung nicht allzu weit entfernt gelegen sein konnte, lebte an der westlichen Peripherie des awarischen Herrschaftsbereiches. Zumindest teilweise gleichzeitig siedelte eine slawische Bevölkerungsgruppe im in Sichtweite befindlichen Pitten und bestattete dort ihre Toten. Eines der Ziele der archäologischen Arbeiten in Frohsdorf, ist es, zu beleuchten, wie Awaren mit ihren Nachbarn anderer Kulturen verkehrten. 

Ein weiteres Forschungsziel ist es herauszufinden, wie sich die awarische Population in Frohsdorf organisierte und die Ressourcen ihres Gebietes nutzte (Bevölkerungsstruktur, vermutlicher Aktionsradius). 

Zur Beantwortung der Forschungsfragen werden in den Jahren 2004-2006 großflächige archäologische Grabungs- sowie Prospektionsarbeiten (luftbildarchäologische Prospektion, systematische Oberflächenbegehungen) durchgeführt.

Wie funktioniert eine Ausgrabung?

Die Durchführung einer archäologischen Grabung auf freiem Feld wie in Frohsdorf erfordert zunächst logistische Leistungen und den Aufbau einer Infrastruktur (Fahrzeuge, Container, Stromversorgung, etc.). Die Grabungsfläche einer Kampagne wird zunächst bestimmt und abgesteckt. Die Ausgrabungsarbeiten erfolgen zum größten Teil händisch mit Spitzhacke, Spaten, Schaufel, Kellen, Staubsauger und Feinwerkzeug wie Spitzkellen, Stuckatureisen, Zahnarztwerkzeugen und Pinseln. 

Ein Skelett im Boden mit einem Schild

Wichtig dabei ist nicht nur die Freilegung von Funden, sondern vor allem auch das Erkennen der Fundlagen und Zusammenhänge, der sog. Befunde, die einen wesentlichen Teil zum Informationsgewinn beitragen. 

Im Zuge einer archäologischen Grabung ist eine exakte Dokumentation der Funde und Befunde notwendig. Ausgrabung bedeutet auch immer unwiederbringliche Zerstörung der Befunde. Die Dokumentation ist für die wissenschaftliche Auswertung unerlässlich. (Die Suche nach archäologischen Fundgegenständen durch unbefugte und unausgebildete Personen – Raubgräber – geht mit der Zerstörung von Befunden einher, was die Möglichkeiten der wissenschaftlichen Auswertung drastisch verringert und ist durch das Denkmalschutzgesetz verboten.) Die Dokumentation beinhaltet die Vermessung der Befunde und Einmessung der Funde mit einer Totalstation, die es erlaubt, einen Bezug zum Landeskoordinatensystem herzustellen. Die Anfertigung von Aufsicht und Schnitt der Befunde und Funde in Zeichnungen und Fotografien vervollständigt die dreidimensionale Dokumentation.

Eine Person auf einer Leiter, die ein Foto von einem Loch im Boden macht

Sind notwendige Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten abgeschlossen, werden einzelne Fundgruppen von Spezialisten (z.B. Artefakte von Archäologen, menschliche Knochen von Anthropologen, tierische Knochen von Archäozoologen, pflanzliche Reste von Archäobotanikern, etc.) zur Auswertung übernommen und bearbeitet. Die Gesamtauswertung erfolgt durch Archäologen in Zusammenarbeit mit den Fachkollegen und unter Berücksichtigung der Befunde.

Grabungen

Nach den ersten Grabungskampagnen ist klar, dass das Gräberfeld von Frohsdorf weitaus mehr Gräber enthält, als auf den Luftbildern zu sehen. 

Anhand von Grabinventaren wie sie im Gräberfeld von Frohsdorf zu finden sind, können wir das äußere Erscheinungsbild der Awaren recht gut rekonstruieren. Awarische Männer schmückten sich unter anderem mit Fingerringen und Ohrringen. Als tägliche Gebrauchsgegenstände trugen sie Messer und in einem Beutel am Gürtel Feuerschläger und Feuerstein bei sich. Das Zeichen vornehmer Männer vom 6. Jahrhundert bis in die Spätawarenzeit war der vielteilige, metallbeschlagene Gürtel. Er ist somit auch ein Symbol für die Bewahrung von Traditionen, obwohl die Awaren auf ihrer Wanderung und der Zeit ihrer Herrschaft in Europa viele neue Einflüsse aufnahmen.

Eine Gruppe von Menschen, die in einem Feldbereich stehen

Awarische Frauen schmückten sich mit Ohrringen, Glasperlenketten und Fingerringen. Vornehme Frauen besaßen gelegentlich auch richtige Colliers. Ähnlich wie Männer trugen sie als täglichen Gebrauchsgegenstand z.T. Messer bei sich. Das Gräberfeld von Frohsdorf ist eines der westlichsten awarischen und befindet sich in einem Grenzgebiet zwischen verschiedenen Kulturgruppen. So befanden sich in Pitten – also in Sichtweite – ein Gräberfeld und somit auch eine Siedlung der slawischen Kultur. Anhand des Frauenschmucks in Pitten und in Frohsdorf zeigt sich, dass die Menschen dieser beiden Kulturgruppen offenbar rege Kontakte pflegten.

Die Awaren bestatteten ihre Toten in ihrer Tracht und mit ihren persönlichen Gegenständen. Zusätzlich wurden ihnen meist Fleischbeigaben mit ins Grab gegeben. Männer wurden z.T. auch mit Waffen, wie z.B. Pfeilspitzen, bestattet, Frauen mit Spinnwirteln (die für die Wollverarbeitung verwendet wurden) und zum Teil mit in Keramiktöpfen verwahrten Nahrungsmittelbeigaben. Auch Kinder wurden – je nach Alter und Vermögen der Familie – z.T. mit Schmuck und auch Nahrungsmittelbeigaben bestattet.

Obwohl heute oberflächlich nicht mehr erkennbar, weisen archäologische Befunde auf das Vorhandensein von Markierungen der Gräber. Dabei handelte es sich vermutlich teilweise um Pfosten oder Pfähle, deren genaues Aussehen bislang unklar ist, aber auch um größere hölzerne Überbaue. Charakteristisch für das Gräberfeld von Frohsdorf ist die Verwendung von Holzsärgen bzw. Holzeinbauten in den Gräbern, von welchen oft noch Überreste vorhanden sind, die eine Holzartenbestimmung erlauben.

Awarische Siedlungen

Während bislang an die 60000 Inventare aus awarischen Gräbern, vorwiegend aus Ungarn, der Slowakei und Ostösterreich vorliegen, sind awarische Siedlungen noch wenig erforscht. Sie lagen meist am Wasser und nach den bisherigen Erkenntnissen aus Ungarn betrieben die Awaren beim Siedlungsbau eher geringen Aufwand; sie lebten wohl vorwiegend in sog. Grubenhäusern, Häusern, die teilweise in den Boden eingetieft waren. Aufgrund ihres ursprünglich nomadischen Lebensmodells waren nicht aufwendige Wohnhäuser Prestigeobjekte, sondern vielmehr Pferde und Großvieh. 

Während Gräberfelder selektives Fundmaterial enthalten – im Fall von Frohsdorf bestimmten die Awaren aufgrund bestimmter Regeln (Tradition, Vermögen, etc.), was sie ihren Toten mitgaben – findet man in Siedlungen, Relikte des alltäglichen Lebens bzw. was nicht mehr verwendbar war. Allerdings findet auch durch den Boden bzw. die Bodenverhältnisse eine „Selektion“ statt. So bleiben in unseren Breitengraden organische Materialien (Holz, Leder, Textilien, Nahrungsmittel,...) kaum oder nur unter besonderen Umständen erhalten. 

Um ein möglichst umfassendes Bild einer Population rekonstruieren zu können, ist es wichtig, neben Gräberfeldern auch Siedlungen zu erforschen. Da im Gräberfeld von Frohsdorf mehrere Hundert Menschen bestattet wurden, ist auch eine entsprechend große Siedlung in der näheren Umgebung anzunehmen. Im Rahmen des laufenden Forschungsprojektes soll diese Siedlung durch Prospektion lokalisiert werden.

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